Predigt am Sonntag, 17. Januar 2010 in St. Martin-Anderten
2. Sonntag nach Epiphanias von Pastor Helmut Kühl
Predigttext: Römer 12,9–16
Die Liebe sei ohne Falsch.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
Seid brennend im Geist.
Dient dem Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.
Haltet euch nicht selbst für klug.
Einleitung:
Was uns verbindet
»Unser Stadtbezirk (Misburg-Anderten) ist bekannt für seine Vielfalt an Vereinen und Verbänden. Mehr als 45 Vereine haben sich allein in der AMK (Arbeitsgemeinschaft Misburger und Anderter Kulturvereine e.V.) zusammengeschlossen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Gruppen und Vereine in den Kirchengemeinden, Schulen und als temporäre Projektteams. Vereinsmitglieder werden dann und wann als ›Vereinsmeier‹ belächelt. Vereine sind dennoch und gerade in der gegenwärtigen Zeit ein Zeichen organisierter Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Die Vereinsmitglieder wissen, was dies für sie — auch über die Zielsetzungen des Vereins hinaus — bedeutet.»
So steht es geschrieben im Internet auf der Seite des Nananet. Menschen schließen sich aus sehr unterschiedlichen Gründen zusammen. Sie vereinen sich und bilden so einen Verein. Wenn das als Vereinsmeierei belächelt wird, dann darf man doch hoch erhobenen Hauptes dagegen setzen: Wäre es denn ein Zeichen gesellschaftlichen Reichtums, wenn es die Vereine und Vereinigungen nicht gäbe? Auf keinen Fall! Gäbe es die Vereine nicht, würde an ihre Stelle eine große Vereinsamung treten. Jeder sorgt für sich, jeder denkt an sich, jeder bleibt für sich.
Es liegt doch offen zu Tage, dass dagegen in der Vereinigung zu einem Verein die Möglichkeiten, etwas zu erreichen, viel größer sind, als wenn jeder für sich allein sich bemüht. Natürlich kann z.B. jeder allein Sport treiben. Aber Mannschaftssport ist so schon nicht mehr möglich. Die Vielfalt der Betätigung wird durch die Vereinigung vieler enorm erhöht.
Das gilt aber nicht nur für den Sport, sondern für alle Vereine, die im Zusammenschluss vieler Einzelpersonen ihre Effektivität erhöhen. »Gemeinsam sind wir stark.« Das gilt immer noch und wird auch immer gelten.
Das gilt auch für den christlichen Glauben. Sicher: Jeder einzelne Christ soll selbst seinen persönlichen Glauben leben. Aber damit er das kann, bedarf er immer wieder der Impulse durch andere Christen, aus denen sich sein Glaube speist. Und die Gemeinschaft der Christen braucht ihn, damit er mit seinen Gaben und seiner Mitarbeit mit hilft, die Gemeinschaft zu erhalten und zu bauen.
Das ist ja alles ganz schön gesagt. Aber es leuchtet doch nicht allen ein. In einer Spaßgesellschaft, wo jeder vor allem seinem eigenen Lustgewinn dient, lässt die Bereitschaft in vielen Bereichen nach, sich im Zusammenschluss mit anderen auch für andere einzusetzen. Jeder hat zwar seine Erwartungen an den Staat, an Institutionen und Vereine, an andere Menschen. Aber nicht jeder ist bereit, in dem Maß seiner eigenen Erwartungen auch etwas für die Allgemeinheit zu tun.
Damit stehen wir vor einem großen Problem: Die Vereinzelung und Vereinsamung bringt auf lange Sicht den Zerfall einer Gesellschaft mit sich. Aus dem ersten Schritt, wo jeder für sich bleibt, kann ganz schnell der zweite werden, dass jeder gegen jeden kämpft, um sich seinen Vorteil zu sichern.
In so fern stehen wir vor der gemeinsamen Aufgabe: Wie gewinnen wir Menschen dafür, dass sie entdecken, dass im Einsatz für andere letztlich ein Gewinn für alle liegt?
1. Teil:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Ich selber bin im November vergangenen Jahres Gründungsmitglied eines neuen Vereines geworden. Eltern von Kindern unserer Kindertagesstätte haben sich zusammengeschlossen, um die Kita, in der ihre Kinder betreut werden, zu fördern. Ich finde es außerordentlich erfreulich, mit welchem Engagement diese Eltern ihren neuen Verein voranbringen.
Dieses Beispiel zeigt mir deutlich, was Menschen bewegt, ohne Druck von außen, ohne Zwang sich für andere einzusetzen. Diese anderen sind in diesem Fall ihre eigenen Kinder. Diese Eltern lieben ihre Kinder. Sie bringen sie in die Kita, weil sie darin etwas Gutes für ihre Kinder sehen. Wenn die Kita Mangel leidet, trifft das ziemlich unmittelbar auch ihre Kinder. Geht es der Kita gut, dann geht es auch ihren Kindern gut.
Was also Menschen bewegt, sich für andere Menschen einzusetzen, ist ganz einfach mit dem Wort »Liebe« ausgesagt. Im Sinne der Bibel ist Liebe nicht zuerst ein Gefühl, sondern ist die Tat, die einem anderen Menschen Gutes tut. Dazu gehört dann auch das Gefühl, das sich dem anderen Anteil nehmend zuwendet.
Menschen vereinen sich, um gemeinsam etwas Gutes zu bewirken. Dazu können sie z.B. einen Verein gründen. Natürlich können diese Zusammenschlüsse auch in zeitlich begrenzten Projekten oder informellen Gruppen bestehen, wie beispielsweise bei der Nachbarschaftshilfe. Entscheidend ist dabei die Einsicht: Wenn das Gute allen zugute kommen soll, darf man nicht zu kurzfristig denken. Dann darf man sich nicht sofort von der Frage leiten lassen: Was habe ich davon? Sondern die Frage heißt: Was kann ich dazu beisteuern, dass das gemeinsame Ziel des Guten erreicht wird?
John F. Kennedy hat diese Einsicht in die Worte gegossen: »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.« Langfristig und nachhaltig ist es dann so: Geht es dem Land gut, geht es auch dir gut.
Dieses Denken ist das Denken der Liebe. Liebe baut auf. Liebe denkt an das Gute und gibt das Gute dem anderen in der Gewissheit: Geht es ihm gut, wird es am Ende auch mir gut gehen, selbst wenn ich kurzfristig erst einmal so investiere, ohne dass ich davon sofort selbst einen Vorteil zu habe.
Der Apostel Paulus schreibt: (Römer 13,8+10) »Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.« Darum zielt sein Brief an die römische Gemeinde in den letzten Kapiteln darauf, dieses Gebot auf verschiedene Lebenssituationen zu beziehen und sein Bedeutung für sie zu zeigen.
2. Teil:
Das Wirken der Liebe
Darum geht es auch in den Sätzen, die der Predigt zugrund liegen. Ich will an einigen von ihnen deutlich machen, wie sie die konkrete Umsetzung des Liebesgebotes sind.
Die Liebe sei ohne Falsch.
Die Liebe tut dem anderen Gutes. Es gibt da aber ein Problem. Liebe kann auch gespielt werden. Ich denke z.B. an Leute in meiner Gemeinde in Bogotá, die sich für ein soziales Projekt einsetzten. Solange sie Verantwortung trugen und mit an der Spitze der Arbeit standen, setzten sie sich toll ein. Als sie aber nicht mehr so im Rampenlicht standen, erlahmte ihr Interesse erstaunlich schnell. Im Grunde ging es ihnen also gar nicht um die bedürftigen Menschen. Im Grunde sollte die Hilfe, die sie ihnen verschafften, sie selbst groß machen. Damit wurde ihr sozialer Einsatz im Grunde eine Schauspielerei. Die Liebe war geheuchelt.
Paulus redet gleich am Anfang dieser Ermahnungen davon, weil diese Haltung weit verbreitet ist. Man tut Gutes, aber es muss auch anständig bedankt und gewürdigt werden, was für ein selbstloser Mensch man doch ist. Das ist nur der Anschein von Liebe.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Das Böse liegt letztlich darin, dass ein Mensch sich selbst zum Maß aller Dinge macht. Wenn es ihm und seinem Vorteil dient, ist er bereit zu lügen und zu betrügen, zu stehlen und die Ehe zu brechen. Das Böse zerstört erst den anderen, dann aber auch den Täter selbst. Darum ist es zu verabscheuen. Die Liebe zu einem Menschen kann also nicht bedeuten, das Böse an ihm zu decken. Liebe bedeutet jetzt: Dem Täter des Bösen zu helfen, vom Bösen zu lassen. So wird er geliebt.
Wer liebt, kann nur das Gute wollen, selbst wenn es schwer fällt und den ganzen Mut und Einsatz fordert.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich.
Wer Gott als himmlischen Vater kennen gelernt hat, ist geschwisterlich mit allen Menschen verbunden, die ebenfalls seine Kinder sind. Das hebt zwar die großen Unterschiede unter uns nicht auf. Aber es nimmt ihnen die Kraft, uns zu trennen. Dass wir einander lieben sollen, gilt jetzt besonders, so dass Paulus mahnt: Achtet darauf, dass eure Liebe zu einander aus dem Herzen kommt und nicht nur eine christliche Sitte ist, in der man sich zwar Bruder und Schwester nennt, aber doch keine Wärme in die Beziehung strömen lässt.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Wo Menschen in einer gewissen Nähe mit einander umgehen, kann es auch zu einer Respektlosigkeit kommen, die die besondere Stellung des anderen als Vorgesetzter, als Eltern, als älterer Mensch oder was auch immer, vergisst. Gleichmacherei ist kein Zeichen von Liebe, sondern eher von Achtlosigkeit oder gar Verachtung. Ehrerbietung gerade auch eines höher Gestellten gegen Personen niedrigeren Ranges bringt diesen eine Schätzung, die sie aufwertet.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
Wir alle haben unsere Aufgaben, in der Familie, im Beruf und in der Gemeinde. Nicht für alles haben wir dasselbe Interesse. Leicht geschieht es, dass die ungeliebten Aufgaben vernachlässigt werden. Das aber ist immer lieblos. Liebe sagt: Entweder ganz oder gar nicht.
Seid brennend im Geist.
Liebe ist ein Feuer, das der Geist mit einer Einsicht in uns entfacht hat. Das gilt in besonderer Weise vom Geist Gottes, der uns die Liebe Gottes aufschließt und damit in unsere Herzen senkt. Diese Liebe soll uns in unserem Tun zu engagierten und motivierten Menschen machen.
Dient dem Herrn.
Tu das, was du einem anderen Menschen tust, um Gottes willen. Diene dem Herrn durch deinen Dienst an den Menschen. Erwarte nicht Dank und Anerkennung von den Menschen, sondern von Gott.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Liebe bewährt sich auch in schwierigen Situationen, wo wir unter Druck geraten. Wie leicht weicht die Freude dann aus unseren Herzen und Sinnen. Die Liebe in uns aber speist sich aus der Liebe Gottes zu uns. Auch unter Druck sich von Gott geliebt zu glauben und zu wissen, heißt: Ich hoffe jetzt darauf, dass Gott für mich alle Dinge zum Besten wendet. Darum klage ich nicht, sondern halte in Geduld die Bedrängnis aus. Das wird aber nur gelingen, wenn ich im Gebet bleibe und mich damit der liebenden Gegenwart Gottes öffne.
3. Teil:
Auf die Tat kommt es an!
Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es.
Ich schließe mit der Bemerkung: Die überzeugendste Weise, die Liebe in einem Menschen zu entzünde, ist immer noch die, ihn Liebe erfahren zu lassen. Diakon Wijnmaalen hat über seine Selbstvorstellung im Internet das Wort des Kirchenvaters Augustin gestellt: »In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.« Da kann ich nur sagen: Amen, so ist es!

[…] Der Jahresauftakt der AMK fand heute vormittag in den Räumen unserer St. Martin Gemeinde statt. Bereits im Festgottesdienst zeigte sich etwas vom Miteinander und Füreinander im Ort: Der Volkschor sang geistliche Stücke, die Kirche war rammelvoll und Pastor Kühl brachte die Gaben und die Basis für alles Miteinander, das echt seien soll, auf den Punkt: »Liebe muss den anderen meinen!« — Die Predigt folgt in einem gesonderten Artikel. […]